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Labels für nachhaltig gefangenen Fisch zeigen mit dem guten Beispiel, dass es anders geht. Gleichzeitig sind sie eine sinnvolle Orientierungshilfe beim Einkauf . Aber Labels lösen das eigentliche Problem nicht. Denn die zuverlässigen Labels zusammengezählt umfassen nur etwa einen Fünftel aller Fänge. Der grosse Rest ist irgendwie gefangen worden, vielleicht nachhaltig, vermutlich eher rücksichtslos.

Bundesministerin Ilse Aigner

Die EU ist weltgrösster Importeur von Fisch und selber mit eigenen Flotten weltweit unterwegs. Sie müsste sich eher um die vier Fünftel nicht zertifizierter Fänge Sorgen machen. Stattdessen diskutieren die Fischereipolitiker in der EU darüber, ob sie nicht selber auch noch ein Label schaffen sollen. Als ob das ihre Aufgabe wäre.

Die deutsche Agrarministerin Ilse Aigner, in deren Zuständigkeit auch die Fischerei fällt, stellt sich das so vor: Die EU legt ein Umweltsiegel für Fisch fest, welchem sich die Fischereien freiwillig unterstellen können. Kriterien: der Zustand des jeweiligen Fischbestands und die Auswirkungen der Fangmethode auf die Meeresumwelt.

Aigner verfolgt dabei eine Idee, die leider auch von der Mehrheit der Fischereikommission des Europäischen Parlaments geteilt wird. Selbst Konservative und Liberale sehen offenbar kein Problem darin, eine typische Aufgabe des Marktes staatlich regeln zu wollen. Einzige die grüne Abgeordnete Isabella Lövin (Schweden) sprach sich klar gegen ein EU-Label aus.


Bestehende Labels machen das schon

Was würde denn ein EU-Label bringen, was nicht schon die bestehenden Labels schaffen? Eigentlich gar nichts. Seit etwa 2000 schon haben Fischereien die Möglichkeit, sich gegen die Kriterien des vom WWF gegründeten Labels Marine Stewardship Councils (MSC) zertifizieren zu lassen. Das Problem dabei: Das Zertifizierungsverfahren ist sehr komplex und langwierig und daher mit Kosten von mehreren hunderttausend Euro verbunden. Kleinere Fischereien oder solche in armen Ländern können da kaum mithalten.

Doch seit 2005 gibt es eine erschwingliche Alternative: das ebenfalls international tätige Label Friend of the Sea (FOS). Es hat den Vorteil, dass es einzelne Fischereiunternehmen zertifizieren kann, während MSC im Prinzip verlangt, dass alle, die in der selben Region auf die selbe Art fischen, in die Zertifizierung einbezogen werden müssen. Darum ist der Prüfprozess bei FOS erheblich rascher und günstiger. Dafür sind die FOS-Kriterien strenger: bei überfischten Beständen oder zerstörerischen Fangmethoden (Grundschleppnetz) ist ein Zertifikat ausgeschlossen.

Thunfänger haben zudem die Möglichkeit, sich für das «Dolphin Safe» zu zertifizieren, das bereits 1986 von der grossen USamerikanischen Umweltorganisation Earth Island Institute geschaffen wurde. Dolphin Safe ist das erste und bis heute auf dem Markt erfolgreichste Label für nachhaltige Fischerei. Zu unrecht wird es vor allem vom WWF immer wieder als «nicht vertrauenswürdig» abgetan. Tatsache ist, dass in diesem Programm der Beifang von Delfinen und anderen Wassertieren praktisch eliminiert werden konnte. Tatsache ist auch, dass auf den zertifizierten Schiffen unabhängige Beobachter anwesend sind (was bei MSC nicht der Fall ist) und dass der Warenfluss des Thunfischs wie bei MSC bis zur Kundenfront kontrolliert wird.


Ein EU-Label bringt bestenfalls nichts und schlimmstenfalls Probleme

Warum Ilse Aigner da noch ein EU-eigenes Label will, ist schleierhaft. Entweder legt es vergleichbare Kriterien an wie die erwähnten drei Labels; dann wird es kaum zusätzliche Fischereien geben, die sich dafür qualifizieren können. Oder aber die Kriterien für das EU.Label sind wesentlich lascher; dann aber bringt es den Fischbeständen keine Erholung.

Wenn die EU überhaupt im Bereich der Labels tätig werden soll, dann wäre es sinnvoller, sie definiert die Kriterien, welche ein Label erfüllen muss, um von der EU anerkannt zu werden. Das könnte eine gewisse Hilfe sein für Konsument/innen, die sich mit verschiedenen Labels nicht auskennen.
Doch auch da braucht es die EU eigentlich gar nicht mehr, denn solche Anforderungen an Labels hat die UNO-Agrar- und Ernährungsorganisation (FAO) schon vor Jahren festgelegt. Die EU könnte diese Anforderungen einfach übernehmen. Eine eigene Kriterienliste der EU würde nur dann Sinn machen, wenn sie strenger angelegt wäre; doch dann würden sie nicht einmal alle Fischereien erfüllen, die sich bisher für eines der genanten Labels zertifizieren konnten.

Zu befürchten ist allenfalls, dass Aigner aus der etwas einseitigen deutschen Optik etwas anderes im Sinn hat: Kriterien, welche nur vom MSC-Label erfüllt würden. Denn im Gegensatz zu andern europäischen Ländern hat der deutsche Markt bisher fast nur das MSC-Label adoptiert – übrigens mit Förderung des Bundes, der in dieser Frage einseitig in den Markt eingegriffen hat. Dessenungeachtet beginnen sich in letzter Zeit verschiedene deutsche Anbieter auch für FOS-zertifizierte Produkte zu interessieren, um ihr Sortiment aus nachhaltiger Fischerei zu erweitern. Eine einzig auf die MSC-Philosophie ausgerichtete Politik stünde im Widerspruch zur Absicht, möglichst grosse Marktsegmente zu einer nachhaltigen Praxis zu bewegen.

Fazit: Die EU-Fischereiminister täten besser daran, die Labelorganisationen ihre Arbeit tun zu lassen und sich um ihre eigentlichen Aufgaben zu kümmern. Die Gemeinsame Fischereipolitik der EU muss endlich dafür sorgen, dass die Fischerei insgesamt die Fischbestände und die marine Umwelt nicht weiter beschädigt. Dies auch im langfristigen Interesse der Fischereien selber.
Was für Massnahmen dies konkret bedingt, haben wir an anderer Stelle ausgeführt.


Quellen:
– Pläne von Bundesministerin Aigner
– Fischereikommission des Europäischen Parlaments
– Details dazu

– Info zu Labels

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