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Lachsfang der Firma Icicle in Alaska (Icicle-Website)


Die Lachsfangindustrie in Alaska war die erste grosse Fischerei, die sich 2000 für das Label MSC zertifizieren liessen. Doch Ende 2012 trennt sich die alaskische Branche von MSC, nachdem der Handel in Nordamerika und Europa vermehrt auch andere Labels akzeptiert.

Die nicht zu knappen Kosten der MSC-Zertifizierung und der Rezertifizierung (2007) waren vom Fischereidepartement Alaskas (ADF&G Alaska Department of Fish and Games) gesponsert worden. 2008 zog sich das ADF&G von dieser Rolle als MSC-Kunde zurück, mit welcher auch die Verantwortung für den Unterhalt der Zertifizierung (jährliche Audits usw.) verbunden ist.

MSC in Alaska stets umstritten

Der Nutzen der MSC-Zertifizierung bzw. deren Dauer und hohe Kosten waren innerhalb der Branche in Alaska immer wieder kontrovers beurteilt worden. Der Rückzug des ADF&G gab der Diskussion um eine eigenes Gütesiegel neue Nahrung. Das Alaska Seafood Marketing Institute (ASMI) hatte der Branche schon früher sein eigenes Label schmackhaft zu machen versucht, erhielt aber nur lauwarme Unterstützung. Denn die Branche will den Markt in den USA und der EU nicht verlieren, und hier werden Zertifikate von unabhängigen Dritten verlangt, während Eigenlabels auf Skepsis stossen.

Das aktuelle MSC-Zertifikat ist bis Ende Oktober 2012 gültig, vorausgesetzt, die Verantwortung wird von einem neuen MSC-Kunden wahrgenommen. Nachdem das ASMI sich nicht zu dieser Rolle entscheiden konnte, wurde sie im Februar 2010 von der Stiftung zur Entwicklung der Fischerei Alaskas (AFDF Alaska Fisheries Development Foundation) übernommen – mit Unterstützung praktisch der ganzen Branche.

Die Lachsindustrie steigt aus

Seit dem 17. Januar 2012 sieht jedoch alles anders aus. Die acht grössten Unternehmen, welche zusammen rund drei Viertel der Wildfänge von Lachs in Alaska verarbeiten, haben die AFDF davon unterrichtet, dass sie sich von MSC zurückziehen und die ab Oktober fällige zweite Rezertifizierung nicht mehr mittragen werden.

Mit dem Ausstieg der grossen Lachsverarbeiter dürfte der MSC bei der Alaska-Lachsindustrie künftig vor verschlossenen Türen stehen. Die alaskische Lachsfangindustrie hatte sich 2011 bereits durch die Audit-Firma Global Trust zertifizieren lassen und damit schon mal erkennen lassen, dass sie MSC nicht mehr als unverzichtbar betrachtet. Unter dem Druck der Grossen beschloss die AFDF nun, nur noch jene Aktivitäten auszuüben, welche zur Aufrechterhaltung des MSC-Zertifikats bis zum Oktober unerlässlich sind. AFDF bleibt aber MSC-Kunde für die hängige Zertifizierung der Fischerei auf pazifischen Kabeljau im Golf von Alaska.



Fragwürdige Nachhaltigkeit

Dass der Wechsel von MSC zu Global Trust mit einem Wandel in der Gesinnung der grossen Lachsfänger zu tun hat und dass die Fischerei künftig nachhaltiger wird, darf allerdings bezweifelt werden. Die in Alaska tätigen Giganten wie Trident (erst kürzlich von der US-Umweltbehörde mit einer Strafe von 2.5 Mio. USD belegt), Icicle oder Ocean Beauty haben sich bis heute keinen Namen für besonders grüne Taten gemacht.

Ein intimer Branchenkenner kommentiert gegenüber fair-fish: «MSC ist in Alaska jetzt tot. Die Branche sattelt um auf die "FAO-Zertifizierung", wie sie das von Global Trust durchgeführte Assessment hier nennen. Man hört, das ASMI habe genügend positive Signale aus Europa und Nordamerika für diesen Wechsel erhalten. Offenbar legen die grossen Kunden ihre eigenen Nachhaltigkeits-Richtlinien nun wörtlicher aus: "MSC oder eine gleichwertige Zertifizierung" heisst nicht mehr automatisch MSC.»

«Für den MSC mag das Aus in Alaska aber günstig sein», so der Insider weiter. «Denn so wie der MSC funktioniert, wäre bei der Rezertifizierung die Schwäche seines Assessment-Verfahrens deutlich geworden. Verschiedene Umweltorganisationen lagen ja schon auf der Lauer, um die Rezertifizierung zu verhindern. Dieser Kritik muss sich der MSC nun nicht mehr stellen, und es wird interessant sein zu sehen, wie der MSC aus einer schlechten Nachricht eine gute zu machen versucht.»

Der MSC-Chef der ersten Jahre, Brendan May, kritisiert verbittert «die Lähmung und Bürokratie, welche der MSC-Führung innewohnt, seitdem sie von Leuten überfallen wurde, die sich mehr um Abläufe kümmern als ums Resultat». Dies führe zu einem «millionenschweren Todesurteil, wenn nicht für den MSC selbst, so für die eigentliche Aufgabe: die nachhaltige Fischerei».

Marketing statt Tatsachen

Ob der europäische Markt den Wildlachs aus Alaska auch ohne MSC-Label noch will, ist offen. Einzelne Abnehmer wie Globus in Deutschland haben sich bereits dagegen entschieden. Offen ist aber auch, ob der MSC den Ausstieg dieser Fischerei locker wegstecken könnte. Jedenfalls versucht MSC derzeit alles, Alaska an Bord zu behalten, offenbar auch zum Dumpingpreis: Er offeriert der alaskischen Industrie, 75% der Kosten für die Rezertifizierung (75'000 bis 150'000 Euro) selber zu tragen.

Das USamerikanische Branchenportal Seafood News bewertet die Trennung der alaskischen Lachsfangindustrie vom MSC als positiven Schritt. «Wenn so viele Fischereien zertifiziert sind, bringt ein Öko-Label keinen Marketingvorteil mehr. Heute ist es wichtiger, Nachhaltigkeit nachzuweisen, um an grosse Detailhandelsketten verkaufen zu können. Die alaskischen Lachsfänger glauben, mehr aus  ihrem Marketingbudget machen zu können, wenn sie die Einzigartigkeit des Alaska-Wildlachses bewerben und nicht nur die Nachhaltigkeit. Die ISO-basierte Zertifizierung durch Global Trust gibt der Industrie mehr Freiheit.»

So kann man's auch sagen: Mehr Geld für Werbung, egal, wie wahr deren Inhalt sein mag – weniger Geld für eine (tatsächlich sehr teure) MSC-Zertifizierung, ISO tut's auch… Doch was tut eine ISO-Zertifizierung wirklich? Sie beginnt auf fast beliebig wählbarem Niveau, von dem ausgehend sie periodisch Verbesserungen feststellt. Das erlaubt in der Praxis noch grössere Kompromisse als unter MSC-Aufsicht. Jetzt wird auch verständlich, warum die alaskischen Lachsfänger sich nie für die viel raschere und kostengünstige Zertifizierung von Friend of the Sea interessiert haben: hier wäre nichts mehr gewesen mit Kompromissen.

Doch noch Einigung mit MSC?

Am 20. April 2012 gab die in Seattle domizilierte Vereinigung der Ringwadenschiffseigner (Purse Seine Vessels Owner Association PSVOA) bekannt, sie werde künftig als Kunde des MSC auftreten. Damit dürfte die MSC-Zertifizierung für alaskischen Wildlachs über 2012 hinaus Bestand haben.

Die Frage bleibt allerdings , ob die Mehrheit der bisherigen Fischereien unter das MSC-Label zurückkehren. Aus Sicht der PSVOA ist MSC ein Werkzeug, um die einzigartigen Qualitäten des Wildlachses aus Alaska auf dem Markt zu unterstreichen, besonders in Europa. Zudem habe MSC den Fischern höhere Preise gebracht.

Andere in der Branche beurteilen MSC weniger positiv. Sie kritisieren den langen, mit Unsicherheiten verbundenen Prozess der Rezertifizierung bei MSC. Das Alaska Seafood Marketing Insituite (ASMI) zeigte sich optimistisch, dass Absatz und Preise auch ohne MSC-Label gehalten werden könnten. Und grosse Abnehmer wie Walmart sind unschlüssig, ob sie im Wildlachs-Segement bei Alaska bleiben oder zum MSC-Angebot aus einem andern Land wechseln sollen – sie warten ab, wie die Konsument/innen reagieren.

Branche in Alaska will nicht mehr

Wie die Fachpresse im Januar 2013 meldet, flogen zwei Mitglieder der Regierung Alaskas und der Chef der ASMI nach Seattle, um die PSVOA von ihrem Plan abzubringen, an der MSC-Zertifizierung festzuhalten. Sie versuchten der PSVOA deutlich zu machen, dass sie damit zwei Klassen von Alaska-Lachs schaffen würde: eine Minderheit mit MSC-Label und eine grosse Mehrheit mit dem ASMI-Alaska-Label. Alaska habe jahrelang viel Zeit und Geld investiert, um für seine nachhaltige Fischerei ein eigenes, globales Label zu schaffen.
Die PSVOA hat noch nicht entschieden, ob sie die MSC-Zertifizierung auch für 2014 aufrecht erhalten will. Regierung und ASMI drängen sie, davon abzusehen, um weiteren Schaden für das Alaska-Label zu vermeiden.
(Seafood.com, 17.01.2013)

aktualisiert: 17.01.2013

Quellen:
www.IntraFish.com (17.01.2012 ff.), Seafood.com (18.01.2011)

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