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Szene vor dem Fischerhafen von Kayar, Senegal (Foto: Studer/fair-fish)
Szene vor dem Fischerhafen von Kayar, Senegal (Foto: Studer/fair-fish)

Eine Ergänzung zum Artikel «”Das verdammte Meer ist leer”, sagt ein senegalesischer Fischer. Europäische Firmen übernutzen die Küste Westafrikas. Das treibt die lokalen Fischer in die Migration» in der NZZ am Sonntag vom 7. Dezember 2019 (1)
NZZ am Sonntag, 07.12.2019

Es ist ein beliebter Topos im Senegal und unter europäischen NGOs, den europäischen Fangschiffen die Schuld für die Erschöpfung der senegalesischen Fischbestände zu geben. Die Realität ist wesentlich komplexer.

 

Vor den Fischbeständen war schon das Land leergeplündert worden

Wenn wir einmal die Effekte der arabisch-muslimischen Invasion Westfafrikas vernachlässigen, begann das Problem mit der europäischen Kolonisation und dauert, nicht zuletzt dank der an die französische und schliesslich an den Euro gebundenen Währung der Region, bis heute fort. Senegal war reich an Phosphatvorkommen; sie wurden bis zur Neige geplündert. Ein zweiter Rohstoff war billiges Land, das weitflächig für Erdnussplantagen platt gemacht wurde. Erdnussöl ist nach dem fragwürdigen Siegeszug von Palmöl kein Exportschlager mehr, es fehlen also auch diese Deviseneinnahmen, geblieben ist dem Land dafür die durch Plantagen mitverursachte Sahelisierung bis weit in den Süden, wo der Fluss Saloum zum Meeresarm verkommen ist, mit Regen, wenn er denn fällt, als einzigem Süsswassereintrag.

Europa trägt tatsächlich Mitschuld daran, dass die senegalesischen Fischbestände erschöpft sind. Die Sahelisierung und eine fatale Agrarpolitik der Republik hat Subsistenzbauern aus dem Landesinnern an die Küste getrieben, in der Hoffnung, am bis vor etwa zwanzig Jahren noch ansehnlichen Fang teilhaben zu können. Innert zehn Jahren verdoppelte sich die Zahl der einheimischen Pirogen, nicht zuletzt wegen des freien Zugangs zu den Fischgründen und wegen der verbilligten Benzins für jedes registrierte Boot. Der verdoppelte Fischereidruck in Küstennähe, also in der Zone, in der sich viele Fischarten paaren und Jungfische leben, konnte nicht ohne Folgen bleiben – umso mehr, als die ehemaligen Bauern oft mit unsachgemässem Gerät auf Fang gingen, etwa mit viel zu engmaschigen Netzen, die auch Jungfische anlandeten, die sich noch gar nicht hatten vermehren können.

 

Unfähigkeit von Regierung und Behörden im Land selbst

Anstatt Fischereikontrolle, Küstenwache und wissenschaftliche Überwachung auszubauen, um die Ressourcen zu schonen, setzte die von korrupten Politikern und Beamten durchsetzte Verwaltung den “courant normal” einfach fort, auch gegenüber den grossen Fangschiffen aus Europa und Asien: Ihr zahlt uns was und dürft fangen, was Ihr wollt. Während eines Projekts (2) im Senegal (2004-2010) haben wir die artisanalen Fischer oft gefragt, ob die denn von den Millionen, welche die ausländischen Staaten für Fischereirechte zahlen, je etwas gesehen hätten. Natürlich nicht; das Geld verschwand irgendwo. So standen vor etwa fünfzehn Jahren Dutzende Kühlcamions, deren Beschaffung die EU finanziert hatte, um den Marktzugang der artisanalen Fischer zu verbessern, im Hinterhof des Ministeriums und wurden von dort an «cousins» verschenkt. Zur gleichen Zeit erklärte uns die einst international renommierte nationale Agentur für die Überwachung der Fischbestände, sie sei ausserstande, neue Bestandeszahlen zu liefern, da die Regierung ihr keine Mittel mehr zur Verfügung stelle; die aktuellsten verfügbaren Bestandeszahlen waren fünfzehn Jahre alt.

 

Europa ist mitschuldig, versucht aber immerhin, es künftig besser zu machen

Tatsächlich waren und sind europäische Trawler an der Überfischung der senegalesischen Gewässer beteiligt; aber – anders als in Mauretanien – wird der weit grössere Anteil von Flotten aus Korea und China weggefangen. Die EU kann für sich zudem in Anspruch nehmen, im Gegensatz zu asiatischen Sea Grabbers in den Fischereiverträgen mit Entwicklungsländern wenigstens ein Minimum an Fairness festzuschreiben. So sollen, zumindest aus dem Papier, nur «überzählige» Bestände genutzt werden, welche nach der Nutzung durch die einheimische Fischerei übrig bleiben; zudem verpflichtet sich die EU, die Entwicklung der einheimischen Fischereibranche zu unterstütze. Dass die Versprechungen erst teilweise erfüllt werden, liegt nicht an der EU und ihren gelegentliche strengen  Kontrolleuren alleine, sondern auch an der (auch historisch bedingten) Unfähigkeit der nationalen Behörden.
 
Dass ein Zusammenhang zwischen der Überfischung in Westafrika und der Migration von dort nach Europa besteht, konnten wir bereits während unseres Projekts vor fünfzehn Jahren beobachten. Wir sind ihm kürzlich erneut nachgegangen (3); der Effekt hat sich seither noch verstärkt, auch wegen zahlreicher neuer Fabriken für die Fischmehlproduktion aus westafrikanischen Beständen für die Fütterung von Zuchtfischen in Asien und Europa.

 

(1) Artikel NNZ am Sonntag

(2) fair-fish-Projekt im Senegal

(3) Hintergrundinfos zu Überfischung und Migration (fish-facts 26-29)

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