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Der Golf von Gökova (Foto: Nadja Soest)
Der Golf von Gökova (Foto: Nadja Soest)

Damit Meeresschutzzonen tatsächlich Wirkung entfalten, müssen sie in Zusammenarbeit mit den lokalen Fischern eingerichtet und betrieben werden, und nicht gegen sie. Ein hervorragendes Beispiel aus der Türkei zeigt, wie's geht.

Eigentlich hatte der Ingenieur Zafer Kizilkaya bloss ein verwaistes Mönchsrobben-Baby retten wollen. Als es gross genug war, um in die Freiheit entlassen zu werden, suchte er nach einem geeigneten Ort. Er entschied sich für den grosse Gökova-Golf im Südwesten der Türkei – und lernte sie dadurch über und unter Wasser kennen. Nachdem ihm die desolate Lage von Fauna und Flora im schwer überfischten Golf klar geworden war, entschloss er sich, zu handeln. Sein Ziel: der Golf von Gökova soll zum Meeresschutzgebiet werden, zu eimer MPA (Marine Pritected Aera).

Zunächst waren die lokalen Fischer skeptisch. Doch Zafer erklärte ihnen den Sinn des Projekts am Beispiel eines Bankkontos: Wenn Geld auf dem Konto ist, kannst Du jedes Jahr etwas Zins ernten; wenn nichts auf dem Konto ist, gibt's auch keinen Zins. So gewann er die Fischer, und gemeinsam gewannen sie die Zustimmung der Behörden. Heute ist die Fischerei mit Schleppnetzen im ganzen Golf verboten, und in kleineren Schutzgebieten entlang der Küste darf überhaupt nicht gefischt werden, zum Schutz des Fischnachwuchses. Sogar das Tauchen ist hier verboten, weil das illegale Speerfischen sonst nicht kontrolliert werden könnte.
 

Mehr Arbeitschancen für die Fischer

Weil die Küstenwache mit dem einen lokalen Boot sich heute vor allem um Flüchtlinge kümmern muss, haben Zafer und seine Mitstreiter eine eigene Rangertruppe auf die Beine gestellt, die Fischern zusätzliche Arbeit verschafft und für die Behörden entlastet. Die Hauptaufgabe der Rangers besteht darin, ortsfremde Touristen und Fischer aufzuklären; erst bei wiederholtem Verstoss werden Fehlbare den Behörden angezeigt.

Zusätzliche Arbeit gab's für die lokalen Fischer zudem dank eines Boots für Ausflüge, bei denen Touristen die Natur und die Fischerei kennenlernen konnten. Das Boot war von einer Küstengemeinde zur Verfügung gestellt worden; nach der Fusion der Gemeinde wollte die neue Körperschaft leider nichts mehr davon wissen und konfiszierte das Boot. Für die Fischer war das jedoch kein grosses Unglück; inzwischen hatten sich die Fischbestände nämlich wieder soweit erholt, dass wieder bessere Fangerträge möglich sind.

Der Betrieb einer Meeresschutzzone braucht viel Beobachtung und Fantasie. Zum Beispiel gilt es, klug mit dem Klimawandel umzugehen. Die Erwärmung des Mittelmeers bringt neue invasive Arten auch im Gökova-Golf. Zum Teil sind es Fischarten wie Scheinschnapper (Nemipterus randalli) mit leckerem Fleisch, die aber auf dem lokalen Markt unbekannt waren, Also organisierte das Team um Zafer zusammen mit Chefköchen eine Kampagne mit Degustationen und Rezepten. Laut Zafer war das eines der erfolgreichsten Klimwandelanpassungsprojekte!

Andere invasive Arten können zur Plage werden, wie etwa den giftigen Pufferfisch (Lagocephalus sceleratuie, der Köder von den Angeln frisst und Netze zerbeisst, oder die Seekatze (Chimaera monstrosa), die algenbewachsene Felsen kahlfrisst und damit andern Fischarten Versteck und Laichplätze wegnimmt. Im Rahmen eines EU-finanzierten Projekts versucht man nun, auch dieses Problem in den Griff zu bekommen. Eine weitere «invasive Art» besteht aus zum Tiel kilometerlangen Resten von Schleppnetze, die irgendwann im Lauf der letzten fünfzig Jahre verloren gingen uns seither als «Geisternetze» im Golf treiben und sinnlos Fische fangen und nun Mal um Mal geborgen werden.
 

Soziale Stärkung der Fischer – und der Fischerinnen!

Zafer und sein Team sorgen auch mit sozialen Massnahmen für eine Stärkung der lokalen Fischer und damit des Meeresschutzes. Ein besonderes Programm entstand für die Fischerinnen. Tatsächlich gibt es im Golf heute 120 Frauen, die täglich zum Fang hinausfahren, teils, weil ihr Mann gestorben ist und sie nun selber fürs Einkommen sorgen müssen, teils, weil sie ihrem Mann helfen, weil der sich keine Arbeitskräfte leisten kann. Die Frauen wussten allerdings wenig Bescheid über ihre Rechte, über soziale und Arbeitssicherheit und über nachhaltiges Fischen. In Kursen erhalten sie Ausbildung. Und da sie Schwimmwesten nicht tragen mochten, weil sie bei der Arbeit beengten, kaufte Zafer Westen, die auf den weiblichen Körper zugeschnitten sind und sich erst im Wasser von selbst aufblasen.

Die Anstrengungen tragen bereits Früchte: Im Gökova-Golf schwimmen wieder deutlich mehr Tiere: Fische aller Art, Mönchsrobben, Sandbankhaie, Meeresschildkröten… und auch für die lokalen Fischer geht es wieder aufwärts.

Ausführlicher Bericht: Nadja Soest, Our Blue Heart

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