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Vogelschützer gegen Fischer

Die Fakten: Die Zahl der Kormorane hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Jeder Kormoran frisst täglich rund 500 Gramm Fisch, oft nur einen Teil des Fischs, der danach verendet, so dass «500 Gramm» eher heisst: mehrere Fische pro Tag und Vogel. Trotz ihrer grossen Zahl dürfen Kormorane nur eingeschränkt abgeschossen werden, während insbesondere die als «stark gefährdet» eingestufte Fischart der Äschen bis jetzt dem Frass durch Kormorane recht ungeschützt ausgesetzt bleibt.

Fischer, aber auch Fischzüchter beklagen den zunehmenden Fressdruck durch Kormorane auf die Fischbestände und verlangen, dass die Zahl der Kormorane durch Abschuss zu regulieren sei. Vogelschützer mauern: Hände weg vom Kormoran! – als wäre er eine geschützte Art. Und beide Seiten streiten sich darüber, ob für die Zunahme der Kormorane eine nicht heimische, aus Asien eingewanderte und invasive Unterart schuldig sei (so Fischer) oder ob es sich bei den hierzulande anzutreffenden Kormoranen in jedem Fall um einheimische Unterarten handle (so Vogelschützer).

Der Streit ist aufschlussreich. Es stehen sich hier zwei Gruppen feindlich gegenüber, die zu den ersten Befürwortenr von Umweltschutzmassnahmen gehörten. Warum können sie sich nicht einigen, wenn es um den Kormoran geht?

Vogelschutz kümmert sich um eine ganze Palette von Fragen zum Schutz von Natur und Umwelt, in erster Linie aber um den Schutz von Vogelarten und ihrer Lebensräume. Vereine von Freizeitfischern engagieren sich für Massnahmen zum Schutz von Natur und Umwelt, in erster Line aber um den Schutz von Fischarten und ihrer Lebensräume. Und wo sich Fische und Vögel von ihrer Natur her ins Gehege kommen…
 

Vom Nutzen und vom Schützen

Die beiden Seiten unterscheiden sich in ihrem grundsätzlichen Bezug zur Natur. Fischer nutzen einen kleinen Teil des Ertrags der Natur zwecks Beschaffung von Nahrung oder auch einfach als Hobby, Vogelschützer nutzen die Natur «nur» als Bühne für Vogelbeobachtungen in ihrer Freizeit, stellen aber das Schutzanliegen voran. Dies ist der Hintergrund für einen klassischen Nutzer-Schützer-Konflikt, der sich in einer begrenzten (Um-) Welt und bei unterschiedlichen Interessen nur durch einen Ansatz des «Schützens beim Nutzen» lösen lässt.

Davon sind die streitenden Parteien leider weit entfernt, und die Vogelschützer sind, zusammen mit andern Naturschutzorganisationen, bis jetzt am stärkeren Hebel,. Nicht zuletzt auch moralisch, da sie ja die Vögel nicht jagen, sondern nur beobachten, was in Einzelfällen auch martialische Züge annehmen kann, in Tarnuniform und mit Kameras bewaffnet, die wie Kanonen aussehen. Die Fischer hingegen sind nach der gängigen Moral im Nachteil, denn sie fangen Fische, um sie zu töten, und einige von ihnen, als «Fleischfischer» verpönt, fangen auch mehr als nötig.

Fischer tun im Grunde nur, was die Kormorane tun. Die Vögel aber waren lang vor den Fischern da, also gehören die Fische eigentlich den Vögeln, nicht? Diese Sicht zeugt von einem menschzentrierten Verständnis der Natur: Der Mensch steht ausserhalb, gar überhalb der Natur, und ein guter Mensch sorgt für Bereiche, in der die Natur so bleiben darf, wie sie ist. Als würde sich die Natur nicht verändern und als wäre der Mensch nicht Teil von ihr und abhängig von ihr, gerade auch in der Ernährung. Was essen Vogelschützer denn so?

 


 

 

 

 

 


Gefährdete Arten von Vögeln und Fischen

Der Schweizerische Fischerei-Verband (SFV) schreibt am 24. Juni 2020: «Ohne Massnahmen zur Regulierung der Kormorane ist der Erhalt der geschützten Fischart Äsche unmöglich. Der SFV kritisiert ein Urteil des Thurgauer Verwaltungsgerichts: Der Schutz des Kormorans wird über die vom Aussterben bedrohte Äsche gestellt. Sämtliche Massnahmen zum Schutz kälteliebender Fischarten, sind damit sinnlos. Die effektivste Massnahme, nämlich eine effektive Bestandesregulierung, wird von den Vogelschützern seit Jahrzehnten blockiert. Eine der wichtigsten Schutzmassnahmen für die Äsche ist damit die Vergrämung der Kormorane in sensiblen Gebieten durch gezielte Einzelabschüsse. Das sahen auch die Fischereifachleute der Kantone Thurgau und Schaffhausen so. Anders BirdLife, sie legten gegen die erteilte Abschussbewilligung Beschwerde ein. Diese wurde nun vom Verwaltungsgericht Thurgau gutgeheissen.»
Im Juli 2020 doppelt der Verband nach und übertitelt seinen Newsletter mit «Äschen-Skandal»: Er wertet das Vorgehen des Vogelschützerverbands Birdlife als «Schuss in den Rücken», nachdem man bisher zusammengearbeitet habe. Der SFV kritisiert, dass der 2005 zwischen allen Seiten ausgehandelte «Massnahmenplan Kormoran» samt der vom Schweizer Parlament geforderten Volzugshilfe noch immer «schlafe», und kündigt nun eine forschere Gangart an, um die Äsche zu retten. (1)

Auf der Website von BirdLife findet sich keine aktuelle Stellungnahme hierzu, dafür eine scheinbar versöhnliche ältere: «BirdLife Schweiz sucht mit allen interessierten Kreisen nach Lösungen, wenn durch die Gesamtnutzung (Mensch, Raubfische, Vögel) gefährdete Fischarten in Bedrängnis kommen sollten. Der Kormoranplan 2005, an dem BirdLife Schweiz intensiv mitgearbeitet hat, gibt die Basis für allfällige Massnahmen, zeigt aber auch auf, in welchen Gebieten nicht eingegriffen werden darf» (2a). Ähnlich äussert sich auch die Vogelwarte Sempach (2b).

Doch ein «Schützen beim Nutzen»-Plan? Der ist allerdings bereits fünfzehn Jahre alt, wurde also zu einer Zeit erstellt, als die Zunahme der Kormorane noch nicht so ausgeprägt war. Warum soll der offensichtlich nicht mehr vom Aussterben bedrohte Kormoran weiterhin derart geschont werden, sogar zum Nachteil der Äsche, die seit 2018 offiziell als «stark gefährdet» gilt?

Die Vogelschützer geben eine indirekte Antwort: «Der Rückgang der gefährdeten Fischarten wird nicht verursacht durch die fischfressenden Vogelarten. Massgebend verantwortlich sind vielmehr die Homogenisierung und damit Zerstörung der von Natur aus vielfältigen und nischenreichen Unterwasser-Lebensräume, die Erwärmung des Wassers und dessen Vergiftung bzw. Belastung mit chemischen Schadstoffen.»

Für Gleichgewichte sorgen

Das ist natürlich alles richtig in einer idealen Welt, und es zeigt auch die Ziele auf, die wir in einer vom Menschen beschädigten Welt verfolgen sollten. Nur: Unter den derzeit gegebenen Verhältnissen ist es doch etwas blauäugig, auf die Wiederherstellung intakter Lebensräume zu warten und darob das Naheliegende auszuschlagen. Da eine grosse Zahl von Kormoranen eine schwindende Zahl von Äschen fressen, müssten selbst Naturschützer korrigierende Eingriffe fordern – oder sind Äschen nicht Natur?

Wenn die natürlichen Verhältnisse von Menschen aus dem Gleichgewicht gebracht worden sind, müssen vorerst Menschen für ein neues Gleichgewicht in ihrer Umwelt sorgen, bis unsere Gesellschaft lernt, Natur nicht nur als Umwelt wahrzunehmen, sondern als ein grosses Ganzes, dem sie angehört und die sich selber regelt, wenn wir nicht reinpfuschen.

 

Nachtrag 14. Juli 2020

Auf meinen obenstehenden Artikel erhielt ich (auf Infosperber und direkt) kritische bis belehrende und darunter auch bedenkenswerte Antworten. Sowohl Vogelschützer wie Fischer waren gar nicht einverstanden mit mir. Das passt gut, weil es unterstreicht, dass mir Fischer nicht etwa näher stehen als Vogelschützer.

Meine Polemik richtete sich nicht gegen eine bestimmte Gruppe von Personen, sondern gegen ein bigottes Naturverständnis. Was wir in bester Absicht schützen, ist ja nicht «die Natur», sondern ein noch einigermassen naturnahes Stück der von uns geschaffenen Umwelt. In einem dicht besiedelten Land wie der Schweiz haben wir den grössten Teil der Flächen längst von Natur in Umwelt verwandelt. Was des Schutzes bedarf, ist diese Umwelt, damit sie uns weiter beherbergen kann; und innerhalb dieser Umwelt müssen wir zum Gleichgewicht beitragen, das die Natur selber immer wieder herstellt, dort, wo sie nicht von uns daran gestört wird. Die Natur sorgt schon für sich selber – und auch für uns, wenn wir aufhören, uns als ausserhalb oder gar oberhalb von ihr zu sehen.

Letzte Aktualisierung: 15. Juli 2020. In der ursprürglichen Fassung wurden Kormorane – etwas salopp, in Anlehnung an die schutzähnliche Haltung der Vogelschützer – als in der Schweiz geschützte Art bezeichnet, was rechtlich falsch ist. Kormorane sind im Jadgesetz erwähnt und dürfen eingeschränkt und unter Auflagen bejagt werden, ausser nach dem zitierten Gerichtsurte etwa am Unterrhein. Ebenfalls ergänzt wurden weiterführende Links. Schliesslch war in der ersten Fassung der abgebildete Vogel irrtümlich als Kormoran (Phalacrocorax carbo) bezeichnet worden, da auch die nahe verwandten und leicht zu verwechselnden Scharbenkrähen in Italien, wo der Autor lebt, «cormorani» genannt werden. (Dank für diese Hinweise an Livio Rey, Vogelwarte.ch)
Zur Menge Fisch, die ein Kormoran pro Tag verspeist, gingen abweichende Informationen ein, unter anderen eine Studie aus dem Jahr 1990 (siehe Fussnote 4, mi Dank für den Link an David Gerke). Das ändert freilich nichts am Umstand, dass Kormoran gerade bei grösseren Fischen oft nur ein Stück herauspicken, weshalb für eine Tagesration entspechend mehr Fische verloren gehen.


(1) Schweizer Fischereiverband SFV, Newsletter Juni 2020 und Juli 2020
(2a) Website BirdLife, Stichwort Kormoran
(2b) Website Vogewarte Sempach, Stichwort Vögel und Fischerei
(3) Positionspapier Birdlife 2006
(4) Studie zur Menge Fisch, die ein Kormoran vertilgt


Illustrationen:

Scharbenkrähe (Phalacrocoraaristotelis desmaresti) an der oberen Adria. (Foto: Studer/fair-fish)

Äsche (Thymallus Thymallus) – Zeichnung: Jonathan Couch, 1877 / Wikimedia

 

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